Fallbeispiel

1. Gespräch

Die Klientin F. 28 Jahre alt, Fachverkäuferin (persönliche Daten geändert) wurde von der Pränatalpraxis zur psychosozialen Beratung wegen eines schweren Befundes überwiesen. Sie war in der 19. Schwangerschaftswoche. Durch eine Ultraschalluntersuchung war eine ausgeprägte Spina bifida mit einer schlechten Prognose, ein sehr kleiner Kopf und Klumpfüße, festgestellt worden. Sie kam in Begleitung ihres Mannes, der als Kraftfahrer arbeitete. Beide waren unendlich traurig. Das Kind war nach mehreren Versuchen durch künstliche Befruchtung entstanden. In der Beratung wurden den aufkommenden Gefühlen der Verzweiflung, Trauer und Wut Raum gegeben. Am Ende des Gesprächs nahmen die Eltern die Anregung der Beraterin auf, die Fachärztin und Prof. für Kinderheilkunde des Evangelischen Krankenhauses zu konsultieren, um sich über das Ausmaß des Handicaps und die entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten ein Bild zu machen.

2. Gespräch

Das Gespräch in der Beratungsstelle fand nach der Konsultation mit der Kinderärztin statt. Die Eltern hatten die Bestätigung für eine schwere Behinderung erhalten, die nach jetziger Einschätzung von ihnen ein hohes Maß an Veränderung und Opferbereitschaft verlangte. Dazu sahen sie sich kaum in der Lage, zumal die Klientin an Epilepsie litt und der Ehemann befürchtete, diese Krankheit könnte sich verschlimmern. Die Frau befand sich in einem existentiellen Schwangerschaftskonflikt, die eine Seite verbot ihr, einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung zu ziehen, die andere Seite repräsentierte sich in dem Gefühl, keine Kraft für diese lebenslange Aufgabe zu haben. Mit Hilfe systemischer Fragen war es möglich, beide Seiten klarer herauszuarbeiten. Es wurde deutlich, dass das Paar wenig über die Positionierung der eigenen Familie zu ihrem Problem wusste und welche Entscheidung sie mittragen würde. Sie entschieden sich, dies mit ihren Eltern zu besprechen.

3. Gespräch

Das Paar informierte mich darüber, dass es nach Entgegennahme der Bescheinigung der medizinischen Indikation zum Schwangerschaftsabbruch, aufgrund der psychischen Verfassung der Mutter, das Krankenhaus wegen der stationären Aufnahme aufgesucht hatte und sich am gleichen Abend aus Gewissensgründen gegen den Abbruch entschieden hatte. Seitdem gehe es insbesondere der Frau wesentlich besser, und sie sei viel ruhiger geworden.